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Ein Leben von der DDR-Wirtschaft bis zum Damwild

Bei der Gießerei Rackwitz begann Andreas Dorn vor fast 46 Jahren, nun geht er in die passive Altersteilzeit: ein pralles Arbeitsleben von der DDR-Wirtschaft bis zum Damwild.

1949 geboren in Delitzsch, 12 Kilometer von Rackwitz bei Leipzig: Andreas Dorn war ein Kind im erklärten „Arbeiter- und Bauernstaat“ DDR und wollte eigentlich Bauer werden. Aber der Vater war Meister im VEB Leichtmetall Rackwitz und setzte sich durch: Der Sohn wird Arbeiter, lernt Schlosser im selben Betrieb.

Also begann er 1970 mit Tatendurst, gerade mal 20 Jahre jung, als Ingenieur im Büro für Bedarfsplanung. „Da gab es so wenig Arbeit, dass ich gleich wieder aussteigen wollte.“Ein Jahr Lehre, dann drei Jahre lang je zwei Wochen Schule und eine Woche im Betrieb, bis zum Ingenieur: Von diesem kurzzeitigen Experiment im DDR-Bildungssystem profitierte Andreas Dorn.

Ein tägliches Fax abzusetzen mit wesentlichen Kennzahlen des Betriebs, das war die erste Zuständigkeit. Dorn drängte auf mehr, „und diese Art habe ich eigentlich mein Leben lang beibehalten: Gibt es was zu tun, dann meldet sich der Dorn. Ich habe mir immer alle Arbeit auf den Tisch gezogen, die ich kriegen konnte.“ So stieg er nach der Wehrpflicht im Aufklärungsbataillon im Werk Rackwitz als Gruppenleiter Materialplanung wieder ein und führte sechs Leute. Vier Jahre darauf hatte Dorn schon 18 Einkäufer unter sich, „aber alles war Mangel“. 

Hamsterkäufe, Riesenlager, Tauschbörsen, Mangelwirtschaft

Darum wurde eingekauft, was immer es gab, und zwar en gros, im Leipziger Laden, der „für gesellschaftliche Bedarfsträger zugelassen“ war. Ob Zollstöcke, Türschloss-Einbauvorrichtungen, Elektroschalter...

„Hauptsache, man hatte was. Wir hatten gleich sechs große Lager und viele kleine Stellen mehr für all das Zeug. Für so einen Materialbestand müssten sie mich heute rausschmeißen“, sagt Dorn.

Die DDR aber behalf sich mit einem Parallelsystem: Tauschwirtschaft, im Kombinat und auf staatlich geregelten Tauschbörsen. „Da hatten wir immer einen Stand. Denn das Geld, das war ja nichts wert. Was in der DDR interessierte, waren Waren und Leistungen“, erinnert sich Andreas Dorn. So fuhren seine Leute auch für nur ein paar Unterlegscheiben mit dem Lastwagen bis weit nach Dresden.

Mitte der 1980er Jahre wurde der Mangel in der DDR noch schlimmer. „Ein Analyst hätte den Trend gemerkt. Aber wir waren ja erzogen und gewöhnt daran, uns mit widrigen Verhältnissen immer irgendwie abzufinden“, sagt Andreas Dorn. Er war nun für 78 Mitarbeiter verantwortlich, als Leiter der Materialbeschaffung für den gesamten 3000-Mann-Betrieb. Allerdings nur kommissarisch: „Auf dieser Führungsebene musstest Du in der SED sein.“ Also trat er schließlich ein und hatte den Posten dann fest.

"Teure Genossen" - und dann kam die Wende

Jeden ersten Montag im Monat war Parteiversammlung, jeden zweiten Montag Parteilehrjahr, außerdem waren 45 Mark Beitrag zu berappen. „Das war ziemlich viel, und so sprachen wir immer von den ´teuren Genossen´.“ Aber Dorn verdiente 1.150 Mark brutto, „davon konnte man im Rahmen unserer Verhältnisse gut leben“.

Dann kam die Wende.

Nicht plötzlich und auf einmal erhob sich das Volk der DDR, binnen Wochen. Aber die Zustimmung bröckelte, es bahnte sich etwas an und wuchs im Herbst 1989 beträchtlich, auch im VEB Leichtmetall Rackwitz. Dorn: „Einmal hisste jemand eine richtige Deutschlandfahne, ohne Hammer und Zirkel der DDR. Dann bildete sich auch hier die Oppositionsgruppe Neues Forum, und in der Kulturhalle für rund 300 Menschen gab es wüste Diskussionen.“ Demokratischer Sozialismus war die Vision - und Freiheit!

"Fühlte mich nicht so eingesperrt"

Dorn: „Ich persönlich fühlte mich gar nicht so eingesperrt, war viel und gern am Ostseestrand. Nur Sehnsucht nach Mexiko, die hatte ich Jahrzehnte lang.“ Immer noch lief die Produktion im Riesenwerk Rackwitz relativ normal weiter. Die Preise waren ja geregelt, DDR-weit. Dann öffnete die DDR die Grenzen, ließ ihre Bürger frei reisen – ein Volk atmete auf.

„Damit ging aber auch etwas los, was mich im Leben auf eine neue, richtige Bahn brachte“, sagt Dorn und meint: Schrott. In jedem Dorf gab es bald einen Autohändler mit Westmarken, aber immer mehr Schrottautos fuhren in den Westen und wurden dort weit unter Wert verkauft. „Wir hatten in Rackwitz normal um die 20.000 Tonnen Schrott am Lager, doch es kam immer weniger aus der DDR nach.“

Die VEB-Leitung grübelte, und Dorn hob wieder die Hand. „Nun war entschieden, ich musste vom Westen Schrott zurückkaufen.“ Wer einmal auf dem Markt für Altmetall tätig war, weiß, da geht es robust zu. Ohne Fachwissen, bei den falschen Händlern zahlt man zu. Der VEB, also Dorn, zahlte zu – Lehrgeld. „Das übliche Handelsgebaren war mir völlig neu. Ich habe bestimmt für 500.000 Mark Fehleinkäufe gemacht.“ Danach wusste er besser, mit wem er Geschäfte pflegen konnte.

Der Einheit folgten Entlassungswellen

Trotzdem ging es, als die deutsche Einheit am 3. Oktober 1990 kam, mit dem VEB bergab. Alle „volkseigenen Betriebe“ gehörten nun der Treuhand als zentraler deutscher Behörde für die Umwidmung der DDR-Betriebe hin zur Marktwirtschaft. Obwohl das Werk Rackwitz schon früher in das NSW, das nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet, exportiert hatte, standen die Zeichen auf Pleite – zu viele Leute, zu geringe Produktivität. „Es kamen Entlassungswellen, immer neue, immer wieder.  Eine tränenreiche Zeit.“ Dorn erinnert sich an Szenen am Shredder: „Die einen waren besoffen, die anderen haben geheult. Und dann waren sie zu Hause. Abfindung und Aus.“

Zuerst wurden Personalstellen abgebaut, dann ganze Betriebe. Die Produktion von Pulver und Paste für Farben, Gasbetonsteine und Pyrotechnik wurde eingestellt. Die kopflastige Verwaltung wurde geschrumpft. Der Kühlelemente-Bau wurde aufgegeben, die Werkstatt für Waggonbeschlagteile geschlossen.

Wollte Andreas Dorn nicht, wie viele seiner Landsleute, einfach weg, hinüber gehen in den Westen? „Ich hatte in meinem ganzen Leben nie den Gedanken, hier wegzugehen. Ich bin eigentlich eine treue Person, habe die Arbeit ja nur zwei Kilometer von meinem Häuschen in Hohenossig, immer gut genug verdient und eine gute Position.“ Außerdem war Dorn ja montags bis donnerstags ohnehin im Westen unterwegs, um Schrott zu kaufen. Eine Mitarbeiterin von seinen früher 78 Leuten, Barbara Wagner, hielt im Werk die Stellung. Sie blieb auch all die kommenden Jahre – und übernimmt nun von ihm die Einkaufsleitung.

Aber der Duft der großen weiten Welt? Andreas Dorn genoss ihn privat. Reisen in aller Herren Länder wurden seine Urlaubsleidenschaft. Ägypten und Australien, Rio, Peru, Venezuela, Senegal, Tansania, die Antarktis … „Mein schönster Trip waren acht Tage nur mit Schlafsäcken durch die Wüste Sinai.“

Die Treuhand wickelte ab

Daheim war andererseits auch die Welt am VEB Leichtmetall Rackwitz interessiert. Die Treuhand sollte ja abwickeln: dichtmachen oder abgeben. Für dieses Werk gab es mehrere Interessenten, die den Standort inspizierten. Zum Beispiel die Metallgesellschaft aus Frankfurt am Main, die sich wieder zurückzog. Dann Kopf an Kopf ein Tauziehen vom Aluminiumgießer Honsel mit den Brüdern Gottschol aus Ennepetal. Der große Bruder, Hans-Joachim, war sogar Präsident bei Gesamtmetall; „reden konnte der, faszinierend“, erinnert sich Dorn.

Das Aluminiumwerk in Rackwitz war ja durchaus bekannt, lieferte Profile und Bänder fast nur noch nach Westdeutschland. Auch Amag, Tubus Metall und AluTeam in Düren waren im Gespräch. Aber die Brüder Gottschol siegten, und der „Kleine“, Jüngere führte Aluminium Rackwitz ab 1994.

Schrott war benötigt

Noch eine Entlassungswelle dünnte die Belegschaft weiter aus. Der Walzbetrieb wurde stillgelegt. Alle Bereichsleiter wurden abgelöst. „Meine Position lag darunter, ich durfte bleiben“, sagt Andreas Dorn. Außerdem kannte und konnte er ja mittlerweile Schrott recht gut. Gottschalk brauchte Schrott, auf das Metall kam es an. „So wuchs mein Ansehen bei unserem neuen Eigentümer.“

Im Rückblick auf diese Jahre meint Dorn: „Das Geld von der Treuhand haben sie nicht bösartig verschleudert. Damit entstand der Maschinenpark, der uns in der Gießerei noch heute als gute Grundlage dient. Aber mit dem Presswerk haben sich Gottschols übernommen.“

Erst meldeten sich die Metall-Lieferanten, sie hätten kein Geld mehr für ihre Lieferungen erhalten. Knapp war das Geld immer gewesen. Nun fehlte es vollends. 1996 ging Gottschol in Konkurs. Das Werk Rackwitz hing am seidenen Faden. Andreas Dorn: „Die Treuhand wollte uns zumachen. Wir fuhren nach Berlin und demonstrierten. Hier kam der Sequester, der Betriebsrat erhielt immer mehr Macht, die Geschäftsleitung wurde ausgesperrt, und an den Eingängen standen brennende Fässer. Es ging drunter und drüber.“

Gläubiger suchten ihr Kapital zu retten, „der Kran-Lieferant klaute dafür sogar die Schaltkarte, die zum Betrieb nötig war“. Zugleich häuften sich die Schrottdiebstähle, fast täglich. „Unsere alten Mitarbeiter haben regelrecht gekämpft, dass nichts wegkam.“ Selbst eine Verfolgungsjagd per Gabelstapler erinnert Andreas Dorn noch. „Aber das ist Geschichte.“

Hydro als "gelobtes Land"

In den schlimmsten Wirren lief die Gießerei aus dem Ruder, denn deren Chef war seit langem krank und weg. „Keiner fühlte sich zuständig. Ich hatte Angst, dass hier alles zu Ende geht“, sagt Dorn. Als der Betrieb sogar ganz ruhte, „bin ich zum damaligen Geschäftsführer gegangen und habe mir eine Vollmacht für die Gießereileitung schreiben lassen. Den Zettel habe ich heute noch“, sagt Dorn.

Vom Gießen hatte er jedoch keine Ahnung. So war die Freude auch bei ihm groß, als zu Beginn 1998 Hydro den Standort Rackwitz übernahm. „Für uns in der Gießerei war Hydro das gelobte Land. Hier wurde sofort investiert.“ Hydro fokussierte auf die Gießerei und das Presswerk als eigenständige Einheiten, kümmerte sich um die Arrondierung und Vermarktung des sonstigen, weiträumigen Areals und schickte mit Kjetil Heggestad als Manager für den Weg aus der Krise auch Wolfgang Reinke als neuen Gießereileiter.


Reinke lehrte die Rackwitzer Gießer erste Hydro-Werte. Zum Beispiel alles wegzuwerfen, was man nicht braucht. Arbeitssicherheit. Neue Arbeitskleidung. Ordnung. Eine neue Kantine. Neue, gut ausgestattete Umkleiden. Ein breites Heimat-Wandbild für den Lokalstolz, mitten im Betrieb. Eine zentrale Verwaltung anstelle der vielen verteilten Räumchen.Dorn: „Was sich unter diesen beiden in nur einem Jahr bei uns alles an Änderungen vollzog, hätte ich mir nie vorstellen können. Das war die intensivste, lehrreichste Zeit in meinem ganzen Arbeitsleben.“

Dorns Büro bisher „war auch das Wiegehäuschen gewesen, ohne Zentralheizung, es regnete rein, und die Tapete kam herunter. Nun kam ich in einen Neubau, großer eigener Raum, die wichtigen Kollegen auf Zuruf und alles direkt neben der Gießerei.“

Reinke ernannte Dorn zum stellvertretenden Leiter der Gießerei Rackwitz, zum Produktionsleiter und Leiter für den Metalleinkauf. Diese Position behielt Andreas Dorn auch bei, als Wolfgang Reinke in Ruhestand ging und im August 2000 Thomas Stürzebecher neuer Leiter wurde, heute zugleich als Geschäftsführer der eigenständigen Hydro Aluminium Gießerei Rackwitz GmbH.

Im Blick die Leistungssteigerung - und die Mitarbeiter

Thomas Stürzebecher lobt Dorn als „ein echtes Urgestein. In seinem Arbeitsleben spiegelt sich die ganze wechselvolle Geschichte unseres Werks, auch die Energie, mit der wir alle zusammen diese Gießerei immer produktiver gemacht haben.“ Mit Andreas Dorn verabschiede sich ein echter Macher, der immer den Fortschritt und die Leistungssteigerung des Unternehmens, doch zugleich die Mitarbeiterinteressen im Blick hatte.

Insbesondere Dorns Loyalität hat Stürzebecher schätzen gelernt, seit er, 16 Jahre jünger, dessen Chef wurde: „Auch wenn er natürlich ein wirklich starker Charakter ist, haben wir immer eine gemeinsame Linie gefunden.“

Voran ging es immer weiter, in jedem Hydro-Jahr wurde auch investiert. „Erst das gab uns die Möglichkeit, auch die eigene Leistung weiter zu verbessern“, sagt Andreas Dorn. Oft sei das mit Härten verbunden gewesen, „zum Beispiel als wir zur Betriebserweiterung 1999 eine ganze Giebelwand abrissen und dann im grimmig kalten Winter in einem offenen Gebäude produzieren mussten“.

Heute genießt Andreas Dorn von der Empore den Blick auf Tipp-Topp-Produktionsanlagen, schwärmt vom „schönsten und übersichtlichsten aller Schrottlager bei der Hydro“ und ist beeindruckt, dass Hydro auch die jüngste Investition genehmigt hat: 500.000 Euro zum Bau einer automatischen Chargierung für die Kammer-Homogenisierung der Pressbolzen. Diese Maßnahme, vollendet im vergangenen April, mache den Prozess weder schneller noch billiger. Dorn: „Sie dient ausschließlich dazu, ein Unfallrisiko für unsere Mitarbeiter auszuschalten. Das zeigt mir auf meine letzten Tage noch einmal, wie ernst Hydro die Arbeitssicherheit nimmt, und das macht mich in diesem Jahr so richtig zufrieden.“


Das muss man erklären: „Der Aluminiumstandort Rackwitz ist groß und weiträumig begrünt. Wie pflegt man all die Wiesenstücke bloß? Ich dachte zuerst an Straußenvögel. ´Keine lokale Tierart´, lehnte die Gemeindeverwaltung ab. Na, dann habe ich uns im Erzgebirge je vier Damtiere und Damhirsche besorgt“, sagt Dorn. Die grasen nun das Gelände ab. Und freuen sich immer, wenn Dorn wiederkommt.Fast sein ganzes Berufsleben, vor allem in den Hydro-Jahren, sei er mehr oder minder täglich ins Werk gekommen, „auch samstags und sonntags“, sagt Andreas Dorn. Das werde er nun vermissen. Ein guter Grund aber bleibt dem scheidenden Werksvize, auch in Zukunft regelmäßig bei Hydro vorbei zu schauen: zum Zufüttern und Wasser geben für ein Rudel Damwild.